Vom Rettungshaus zur modernen Jugendhilfeeinrichtung

200 Jahre Ev. Stiftung Overdyck
Petra Hiller, Vorstand und Einrichtungsleiterin, und der Historiker Dr. Hans H. Hanke präsentieren die Festschrift zum 200-jährigen Bestehen der Ev. Stiftung Overdyck.

16. Januar 2019

Ev. Stiftung Overdyck feiert 2019 ihr 200-jähriges Bestehen. Festschrift informiert auf anschauliche Weise über die Geschichte der Einrichtung

Die Ev. Stiftung Overdyck, eine der ältesten diakonischen Stiftungen Westfalens, feiert ihr 200-jähriges Bestehen. Sie wurde 1819 als „Rettungshaus Overdyck“ gegründet und war weit und breit die erste Hilfeeinrichtung für verwaiste Kinder. Heute ist sie eine moderne Jugendhilfeeinrichtung mit einem stationären und ambulanten Angebot, das aus dem dichten sozialen Hilfsnetz in Bochum nicht wegzudenken ist.

Das Rettungshaus Overdyck wurde von Adalbert von der Recke-Volmerstein (1791-1889) gegründet. Während der napoleonischen Kriege waren ihm die vielen streunenden und bettelnden Kinder der Region aufgefallen, und er nahm schon 1816 einige von ihnen in das Schloss seines Vaters auf. 1819 zog von der Recke mit drei Kindern, die er schon länger versorgt hatte, feierlich in die Räume der ehemaligen Freischule – damit nahm die Rettungsanstalt offiziell ihre Arbeit auf. Ein Jahr später lebten bereits 49 Kinder in der Einrichtung.

Als das Haus in Overdyck zu klein wurde, erwarb von der Recke das Düsselthaler Trapistenkloster, um dort weitere Waisen, Verbrecher- und Landstraßenkinder zu retten. Von der Recke zog mit den älteren Jungen 1822 nach Düsselthal und ließ 24 jüngere unter der Aufsicht seines Vaters in Overdyck zurück. Bis zum Jahr 1893 blieben beide Anstalten unter einer Leitung. Vom Jahre 1816 bis Ende 1845 wurden in den Rettungsanstalten zu Overdyck und Düsselthal 713 Knaben und 196 Mädchen aufgenommen. In den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts war Overdyck die einzige Erziehungsanstalt Westfalens, die vagabundierende Kinder aufnahm.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Anstaltserziehung bestimmt durch die Auffassung, dass den gefallenen Kindern durch Gebet, Zucht und Ordnung, vor allem aber durch Arbeit wieder auf den rechten Weg zu helfen sei. So waren die ersten Erzieher vielfach Handwerker, die meist ohne jede pädagogische Vorbildung in den Anstalten eingesetzt wurden. In Overdyck wurden nur schulpflichtige Kinder aufgenommen, die in der heimeigenen Schule unterrichtet wurden und daneben landwirtschaftliche Arbeiten verrichteten.

Overdyck musste 1933 die heimeigene Schule schließen. In öffentlichen Schulen sollte die entsprechende politische Bildung gesichert werden. Die Kinder wurden in den folgenden Jahren zum Teil aus dem Heim heraus in bestimmten Familien untergebracht, um nach den Lehren der Nationalsozialisten erzogen zu werden. 66 Kinder Overdycks wurden am 23.08.1943 nach Pommern evakuiert und kehrten erst im Mai 1946 zurück.

Overdyck arbeitete noch bis weit in die 60er Jahre ausschließlich mit schulpflichtigen Kindern. Die Kinder wechselten in andere Einrichtungen, sobald sie zu arbeiten begannen. In den 70er Jahren gab es dann auch Jugendliche, die ihre Ausbildung auf dem freien Arbeitsmarkt absolvierten und ihre Heimat in Overdyck behielten. Die stärkere Öffnung der Heime nach außen war eine Konsequenz der gesellschaftlichen Entwicklungen in den 50er und 60er Jahren sowie der bundesweiten Heimkampagnen der 70er-Jahre. So wurde zum Beispiel 1975 der heimeigene Kindergarten in Overdyck geschlossen, damit die Kinder in den umliegenden öffentlichen Kindergärten integriert werden konnten. Großheime wurden differenziert oder durch Kleinheime und Außenwohngruppen ergänzt.

Heute ist die Ev. Stiftung Overdyck eine dezentrale Einrichtung mit zurzeit 26 Standorten. Dazu gehören Intensivangebote, koedukative Wohngruppen, Regelgruppen, Angebote für Alleinerziehende, ambulanter Bereich, Schutzstellen, Notschlafstellen, offene Ganztagsschule und ein Internationaler Kinder- und Mädchentreff. Von dem antiquierten Begriff „Rettungsanstalt“ trennte man sich 1989. 2004 zog die letzte Wohngruppe aus dem ehemaligen Stammhaus aus, das 2015 abgebrochen wurde.

Eine ausführliche Darstellung der Geschichte Overdycks und der Heimerziehung in Bochum bietet die Festschrift „200 Jahre Ev. Stiftung Overdyck 1819 bis 2019“, die pünktlich zur Eröffnung des Jubiläumsjahres erschienen ist. Der Historiker Dr. Hans H. Hanke, hauptberuflich bei der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen tätig, hat sie recherchiert und auf anschauliche und lebendige Weise zusammengefasst.

Ihren runden Geburtstag feiert die Ev. Stiftung Overdyck im Verlauf des Jubiläumsjahres mit weiteren Veranstaltungen und Aktionen. Am Donnerstag, 17. Januar 2019, gibt es einen Festempfang für geladene Gäste im Anneliese Brost Musikforum Ruhr. Dabei sprechen unter anderem Ministerpräsident Armin Laschet und Oberbürgermeister Thomas Eiskirch. Für den 1. Juni 2019 ist ein Jugendfest im Blue Beach am Kemnader See geplant. Am 31. Oktober 2019 findet ein Kinderfest im Kinder- Jugend- und Stadtteilzentrum e57 statt. Am 3. September 2019 gibt es einen Kabarettabend mit Sektempfang im Bahnhof Langendreer für geladene Gäste.

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