Stefan Wutzke sucht die Herausforderung

Stefan Wutzke

31. Januar 2020

Der neue Bereichsleiter in der Stiftung Overdyck hat eine außergewöhnliche Biografie als Sozialpädagoge und Philosoph, Rettungssanitäter und Hausmann.

Sie ist ungewöhnlich und wechselvoll, die bisherige Lebensgeschichte von Stefan Wutzke. Er war Rettungssanitäter und Erzieher. Er ist Sozialpädagoge und Philosoph. Sein Traumberuf war Tontechniker, doch das sollte nicht sein. Zuletzt hat er als Hausmann und „House-Dad“ in den USA das Leben seiner Familie organisiert. Jetzt ist Stefan Wutzke in der Evangelischen Stiftung Overdyck angekommen und bereitet sich darauf vor, in zwei Jahren die Leitung von Petra Hiller zu übernehmen.

Über sich selbst sagt der 43-Jährige: „Ich bin ein Urdortmunder.“ Hier lebt er heute wieder mit seiner Frau und den zwei Kindern. Hier, im östlichen Ruhrgebiet, ist er tief verwurzelt. Stefan Wutzke ist in Dortmund aufgewachsen und zur Schule gegangen. Das Abitur schenkte er sich damals in den 1990er Jahren, ging nach der zwölften Klasse ab. „Ich wollte Tontechniker werden, da brauchte ich kein Abitur“, erinnert sich Stefan Wutzke.

Beim Treffen mit ihm plaudert er über seine Zeit in einer Dortmunder Jugendfreizeitstätte, wo er als Honorarkraft jobbte. Im Kinder- und Jugendbereich war er aktiv. Doch fasziniert hat ihn die Arbeit hinterm Mischpult. Da ist es wieder das Leuchten in seinen Augen, wenn er über die Gigs der Bands erzählt. Nicht nur in der Jugendfreizeitstätte, auch beim Tontechnikverleih, wo er sich ein paar Mark dazuverdiente. „Es waren viele laute Punk-Bands dabei, aber auch Jazz.“

Nach der Schule kam der Zivildienst. Bei der Johanniter Unfallhilfe heuerte Stefan Wutzke an. „Da kam ich das erste Mal so richtig ans Arbeiten“, stellt er klar. Nach der Ausbildung zum Rettungssanitäter ging es in den Einsätzen darum, Menschenleben zu retten. Diese Arbeit und Hilfe für andere gab letztlich mit den Ausschlag, warum Stefan Wutzke die Entscheidung fällte: „Ich möchte Sozialarbeit studieren.“

Denn von seinem eigentlichen Traumberuf musste er sich recht schnell verabschieden: Für die Ausbildung zum Tontechniker hätte er neben der Bass-Gitarre noch ein zweites Instrument beherrschen müssen. „Das war in der Kürze der Zeit einfach nicht zu schaffen.“

Aber auch mit dem Studium klappte es nicht sofort. „Ich habe keinen Studienplatz bekommen“, lautet die einfache Erklärung dafür, dass Stefan Wutzke zunächst eine Ausbildung zum Erzieher gemacht hat. Nebenher blieb er der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Dortmunder Jugendfreizeitstätte treu. Und Teenager waren es auch, die er in seinem Anerkennungsjahr betreute. Das absolvierte er in einer Einrichtung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe für gehörlose Jugendliche.

Es folgte von 2000 bis 2003 das Studium der Sozialpädagogik an der heutigen Evangelischen Hochschule in Bochum. Während der dortigen Ausbildung arbeitete Stefan Wutzke an den Wochenenden in einer Dortmunder Bethel-Einrichtung für schwerst Mehrfachbehinderte. Die Studienzeit nutzte er unter anderem, um den Kontakt zum Diakonischen Werk Dortmund und Lünen aufzubauen. Dort war dann auch seine erste berufliche Station als Diplom-Sozialpädagoge im Bereich Arbeitsförderung.

Zunächst in der Arbeitsvermittlung und Qualifizierung aktiv, übernahm Stefan Wutzke bereits nach einem halben Jahr die Leitung der Zuverdienstwerkstatt „Passgenau“ im Dortmunder Norden. „Das Projekt war noch jung, ein kleines Pflänzchen“, erzählt er. Dann kam die Hartz-IV-Reform. Mit ihr gab es plötzlich Ein-Euro-Jobber und viele Kandidaten für die Zuverdienstwerkstatt.

Aus dem kleinen Pflänzchen mit drei Mitarbeitenden und 15 Maßnahmeteilnehmenden entwickelte sich auch deshalb in kurzer Zeit eine stattliche, im Dortmunder Norden fest verwurzelte Einrichtung mit rund 30 Teammitgliedern und über 100 Maßnahmeteilnehmenden. Den Stolz über das Geleistete merkt man Stefan Wutzke an, wenn er über „sein Passgenau“ spricht.

Stefan Wutzke wäre nicht Stefan Wutzke, wenn ihm die Herausforderung mit dem Auf- und Ausbau der Zuverdienstwerkstatt genügt hätte. Er suchte sich eine weitere: „Ich habe dann ein Philosophiestudium an der Fernuni Hagen aufgenommen“, erzählt der 43-Jährige. Das Interesse an dieser Wissenschaft entstand bereits in der Schulzeit beim Lesen des populärwissenschaftlichen Buches „Die philosophische Hintertreppe“ von Wilhelm Weischedel.

„Ich war so fasziniert von den Inhalten und der Herangehensweise“, sagt Stefan Wutzke, „dass ich mir immer mehr Literatur besorgt habe.“ Irgendwann sei das freie Lesen in den Wunsch umgeschlagen, „das noch etwas strukturierter und fundierter anzugehen“. Konsequent verfolgte er das Ziel und hatte schließlich den Master in Philosophie in der Tasche.

Im Jahr 2009 nahm Stefan Wutzke dann die nächste Herausforderung an: „Ich fand die Verbandsdiakonie sehr spannend und herausfordernd“, heißt die Erklärung für den Wechsel zum Spitzenverband, dem damaligen Diakonischen Werk Westfalen. Dort startete er im Bereich Erziehungshilfe, später wechselte er in die neu geschaffene Fachstelle für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung. Der Kontakt zum neuen Arbeitgeber war übrigens durch die Mitarbeit von Stefan Wutzke in einem Fachverband für berufliche Integration und Jugendsozialarbeit entstanden.

Beim Diakonie-Landesverband blieb er bis zu seinem Wechsel zur Evangelischen Stiftung Overdyck. „Das waren brutto zehn Jahre, netto aber nur sechs Jahre“, rechnet der Dortmunder vor. Denn zweimal nahm er nach der Geburt seiner Kinder eine Auszeit, wurde für jeweils zwei Jahre zum Hausmann und „House-Dad“. Auch das war eine Herausforderung. „Ich habe das am Anfang unterschätzt, musste mich da erst reinarbeiten und reinfuchsen“, gibt Stefan Wutzke zu. „Jetzt ziehe ich den Hut vor jedem, der zu Hause ist und seine Familie managed.“

Es sei wie ein Sechser im Lotto für ihn gewesen, die Zeit mit seiner Familie verbringen und zudem noch fremde Länder kennenlernen zu dürfen. Denn seine Frau Susanne, die bei einem großen Maschinenbauhersteller arbeitet, wurde im Jahr 2010 nach Australien geschickt. Damals ging es nach Newcastle, rund 160 Kilometer nördlich von Sydney. Dort hatte Stefan Wutzke trotz aller Aufgaben als Hausmann und House-Dad für die kleine Emma endlich auch wieder Zeit für seine Hobbies Joggen und Lesen.

Nachdem Sohn Erik im Jahr 2016 geboren wurde, nutzte er die Chance auf eine weitere Etappe als Hausmann und Haus-Dad. Erneut ging es Ende 2017 ins Ausland, Ziel war dieses Mal der Großraum Chicago im Nordwesten der Vereinigten Staaten von Amerika. Von dort reiste die Familie Ende November letzten Jahres zurück ins Ruhrgebiet. „Es war schon eine Umstellung, wieder nach Deutschland zu kommen. In den zwei Jahren haben wir Freundschaften geschlossen, haben uns in Amerika zu Hause gefühlt.“

Doch in der Heimat warteten neue Herausforderungen auf Stefan Wutzke. Von Amerika aus stielte er seinen Wechsel vom Spitzenverband zur Evangelischen Stiftung Overdyck ein. Zuletzt war er nach einer weiteren Zwischenstation auf Verbandsebene bei der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe tätig. „Irgendwann kam die Frage auf: Wie geht es jetzt weiter? Mir war die Arbeit dort nicht vielfältig genug, ich hatte auch zu wenig Außenkontakte.“ Sein Wunsch: Er wollte wieder in einer Einrichtung arbeiten wie seinerzeit in Dortmund.

Als die Anfrage der Stiftung Overdyck ihn im vergangenen Jahr erreichte, sei seine Freude groß gewesen. Und so startete Stefan Wutzke jetzt bei seinem neuen Arbeitgeber in Bochum und ist gleich in drei Bereichen tätig. „Der erste Schwerpunkt ist die Bereichsleitung für die familienanalogen Settings“, sagt Stefan Wutzke.

Daneben zeichnet er für Projekte wie zum Beispiel einem Imagefilm und dem Relaunch der Internetseite verantwortlich. „Und der dritte Bereich, das ist die Einarbeitung und Vorbereitung der Staffelstabübergabe von Petra Hiller an mich.“ Denn in zwei Jahren, wenn Stefan Wutzke Leiter der Stiftung Overdyck wird, nimmt er die nächste Herausforderung an.

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