Intensive Betreuung wie in einer Familie

Portrait Of Smiling Family Relaxing On Seat At Home

20. November 2020

In Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaften kümmern sich erfahrene Pädagoginnen und Pädagogen um Kinder mit individuellem Förderbedarf

Für manche Kinder und Jugendliche, die nicht in der eigenen Familie leben können, ist ein Gruppenangebot keine sinnvolle Alternative. Wenn sie intensive pädagogische Begleitung und Betreuung benötigen, kommt auch eine klassische Pflegefamilie nicht infrage. Die Ev. Stiftung Overdyck arbeitet deshalb mit erfahrenen Pädagoginnen und Pädagogen aus dem Ruhrgebiet und angrenzenden Regionen zusammen, die Kinder und Jugendliche in ihr Zuhause aufnehmen und dort in einem familienanalogen Setting betreuen.

Carola Neumann (alle Namen geändert) betreibt eine solche Sozialpädagogische Lebensgemeinschaft. Die richtigen Namen ihrer Familie möchte sie nicht in dem Artikel lesen, um die Kinder zu schützen – sie hat bereits negative Erfahrungen damit gemacht, dass ihr Name und ihre Adresse bekannt waren. Bis zu zwei Jugendliche leben regelmäßig bei ihr. Carola Neumann nimmt nur Jugendliche auf. „Eine Nische, die kaum einer macht“, sagt sie.

Familienleben sollen ihre Schützlinge kennenlernen – in dem gemütlichen Einfamilienhaus mit großem Garten im Grüngürtel am Rande von Dortmund lebt die 43-Jährige mit Ehemann Sven, Sohn Tim (12), Hündin Moni und Kater Felix. Gleichzeitig sollen sie selbständig werden. Deshalb haben die Jugendlichen im Dachgeschoss nicht nur jeweils ein eigenes Zimmer, sondern teilen sich auch ein Bad und eine Küche.

Nadine lebt dort seit drei Jahren. Die 20-Jährige hat eine Lernbehinderung und ihre Entwicklung ist verzögert. Ihre Mutter war mit Nadine und ihren beiden ebenfalls entwicklungsverzögerten Halbgeschwistern überfordert. Nach zwei Schlaganfällen ist sie verstorben. Nadine lebte danach in einem Heim in Duisburg. Als sehr ruhiges, unauffälliges Mädchen ging sie dort unter. Weil sie in einem heilpädagogischen Gespräch den Wunsch äußerte, einmal Familie zu erleben, kam sie zu Carola Neumann.

Für Nadine ein großes Glück. „Sie ist hier aufgetaut“, sagt Carola Neumann. „Eine Einzelförderung ist vorher nie passiert.“ Lebenspraktische Dinge musste sie lernen – einen Brief schreiben, einkaufen, regelmäßig duschen. Danke und Bitte sagen. Anderen Menschen Hilfe anbieten. Und vieles, was für die meisten Kinder normal ist, hatte Nadine offenbar nicht erlebt. Einen Weihnachtsbaum schmücken. Barfuß durchs Gras laufen. „Es hat zwei Jahre gedauert, bis sie das gemacht hat, weil das vorher ekelig war“, erzählt Carola Neumann. Die Naturerfahrung, die Arbeit im Garten ist bei ihr Teil des Konzepts: Jedes Kind darf etwas anbauen. Verantwortung übernehmen, dranbleiben, Erfolgserlebnis haben: Möhren pflanzen macht Arbeit, aber die Möhren schmecken sehr lecker.

„Sozialpädagogische Lebensgemeinschaften sind keine Pflegefamilien, sondern für die härteren Fälle“, erklärt Stefan Wutzke, Bereichsleiter der Stiftung Overdyck. Kinder und Jugendliche, die in diese Betreuungsform vermittelt werden, haben häufig Gewalt oder sexuellen Missbrauch erlebt, sind schwer traumatisiert, haben Angststörungen oder andere Verhaltensauffälligkeiten. Deshalb benötigen sie eine intensive Betreuung und Begleitung.

Dafür sind Profis gefragt: Sozialpädagogische Lebensgemeinschaften werden von gestandenen Pädagoginnen und Pädagogen betrieben – zum Beispiel Erziehern, Sozialarbeiterinnen oder Sozialpädagogen. „Das ist kein Arbeitsfeld für Berufsanfänger“, betont Stefan Wutzke. Neben der fachlichen Qualifikation sind langjährige Erfahrung, etwa in der stationären Jugendhilfe, oder grundständige Lebenserfahrung erforderlich. Auch die räumlichen Voraussetzungen müssen gegeben sein. So steht jedem Kind ein Einzelzimmer von mindestens zwölf Quadratmetern zu. Spielmöglichkeiten im Freien sollten ebenfalls vorhanden sein.

Eine Fachkraft darf bis zu zwei Kinder betreuen. Betreiberinnen und Betreiber einer Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaft arbeiten selbständig mit individuellem Konzept. Sie schließen mit der Stiftung Overdyck einen Kooperationsvertrag. Das Fachberaterteam der Stiftung bietet Unterstützung in pädagogischen, organisatorischen und formalen Fragen. Außerdem stellt der Träger eine Rufbereitschaft in Krisensituationen rund um die Uhr und bietet Fortbildungen an. Für bis zu drei Wochen im Jahr übernimmt die Ev. Stiftung Overdyck auch die Rufbereitschaft für Kinder und Jugendliche aus den Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaften, wenn die Familien sich im Urlaub befinden und dies wünschen.

Die Ev. Stiftung Overdyck freut sich über erfahrene Pädagogen mit Humor, Durchsetzungsvermögen und Berufserfahrung, die sich vorstellen können, ein oder zwei Kinder aufzunehmen und auch in schwierigen Situationen verlässlich zu begleiten. Weitere Informationen bei Nicola Wedekind, Koordinatorin der Sozialpädagogischen Lebensgemeinschaften/Familienwohngruppen: Tel. 02327 9946227 oder nwedekind@stiftung-overdyck.de

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